Ethische Wertmassstäbe der Indianervölker Nordamerikas
(Aus The Four Worlds Developement Project, The University of Lethbridge,
Lethbridge, Kanada)
Zusammengetragen an einem Kongress von über 150 indianischen
Medizinfrauen und -Männer
| 1. |
Danke jeden Morgen nach dem Aufstehen und jeden Abend
vor dem Zubettgehen für dein eigenes und alles andere Leben, für die guten Dinge, die
der Schöpfer dir und anderen Menschen geschenkt hat, und für die Gelegenheit, jeden Tag
ein wenig zu wachsen. Überdenke die Handlungen und Gedanken des vergangenen Tages und
bitte um den Mut und die Kraft, ein besserer Mensch zu sein. Bitte um die Dinge, die allen
Menschen zugute kommen. |
| 2. |
Respekt bedeutet, jemandem Ehre zu erweisen oder
Wertschätzung zu zeigen, ihn zuvorkommend und höflich zu behandeln und auf sein
Wohlergehen bedacht zu sein. Respektbezeugung erfüllt die Forderung eines grundlegenden
Lebensgesetzes.
- Behandle also alle Menschen - vom kleinsten Säugling bis zum ältesten Greis -
jederzeit mit Achtung.
- Besondere Ehrerbietung gebührt den Ältesten, den Lehrern und den
Verantwortungsträgern in der Gemeinschaft.
- Kein Mensch sollte das Gefühl bekommen, durch dich erniedrigt zu werden;
vermeide es die Herzen anderer Menschen zu verletzen wie du dich vor tödlichem Gift
hüten würdest.
- Berühre das Eigentum anderer Menschen, vor allem ihre "heiligen
Gegenstände" nicht ohne Erlaubnis oder Einverständnis.
- Achte die Privatsphäre eines jeden Menschen. Dringe nie in die stillen
Augenblicke oder den persönlichen Bereich eines Menschen ein.
- Tritt nie zwischen zwei Menschen, die miteinander reden.
- Unterbrich nie Menschen, die sich unterhalten.
- Sprich mit sanfter Stimme, besonders wenn du dich in der Gegenwart von älteren
Menschen, von Fremden oder von anderen Personen befindest, denen besonderer Respekt
gebührt.
- Sprich nicht ohne Aufforderung in Versammlungen, bei denen Älteste zugegen sind
(ausser um zu fragen, was man von dir erwartet falls du im Zweifel bist).
- Rede nie schlecht von anderen Menschen, sie mögen anwesend sein oder nicht.
- Behandle die Erde in jeder Hinsicht wie deine Mutter. Erweise dem Mineralreich,
dem Pflanzenreich und dem Tierreich tiefen Respekt. Vermeide alles, was die Luft, das
Wasser oder den Boden vergiften könnte. Wenn andere unsere Mutter Erde zu zerstören
drohen, dann erhebe dich, um sie mit Weisheit und Stärke zu verteidigen.
- Zeige tiefe Achtung vor dem Glauben und der Religion anderer Völker.
- Höre anderen höflich zu, auch wenn es dir wie leeres Geschwätz erscheint;
lausche mit deinem Herzen.
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| 3. |
Respektiere die Weisheit der Menschen, die an
Ratsversammlungen teilnehmen. Hast du selbst vor der Versammlung eine Idee geäussert,
dann gehört sie von diesem Augenblick an nicht mehr dir, sondern dem ganzen Volk. Der
Respekt verlangt es, den Reden anderer aufmerksam zuzuhören und nicht darauf zu beharren,
dass dein Gedanke sich durchsetzen muss. Vielmehr solltest du die Ideen anderer
vorbehaltlos unterstützen, wenn sie echt und gut sind, auch wenn sie sich von den
Gedanken, die du selbst beigesteuert hast, beträchtlich unterscheiden. Aus dem
Zusammenprall der Ideen entspringt der Funke der Wahrheit. Hat sich der
Rat einmal einmütig entschieden, so verlangt es die Achtung, dass niemand insgeheim gegen
diese Entschlüsse spricht. Wenn der Rat eine Fehlentscheidung gefällt hat, wird dieser
Irrtum mit Sicherheit früher oder später für jedermann auf der Hand liegen. |
| 4. |
Halte dich zu allen Zeiten und unter allen Umständen
an die Wahrheit. |
| 5. |
Behandle deine Gäste stets mit Ehrerbietung und
Rücksicht. Bewirte sie mit den besten Speisen, gib ihnen deine beste Wolldecke,
beherberge sie in deinem schönsten Zimmer und sorge nach besten Kräften für sie. |
| 6. |
Wenn einer unter uns leidet, dann leiden alle, wenn
einer unter uns geehrt wird, dann sind alle geehrt. |
| 7. |
Empfange Fremde und Aussenseiter mit liebevollem
Herzen und achte sie als Mitglieder der menschlichen Familie. |
| 8. |
All die Rassen und Völker unserer Welt sind wie die
verschiedenfarbigen Blumen einer Wiese. Alle sind schön. Als Kinder des Schöpfers
müssen sie alle respektiert werden. |
| 9. |
Die Menschen sind vor allem auch dazu geschaffen
worden, ihren Mitmenschen zu dienen und auf irgendeine Art nützlich zu sein - sei es der
Familie, der Gemeinschaft, dem Volk oder der ganzen Welt. Befasse dich nicht so engstirnig
mit deinen eigenen Angelegenheiten, dass du darüber deine wichtigste Aufgabe vergisst.
Wahres Glück finden nur die, die ihr Leben dem Dienst am Nächsten widmen. |
| 10. |
Sei jederzeit und in allen Situationen bescheiden,
vernünftig und gleichmütig. |
| 11. |
Erkenne, was dein Wohlergehen fördert und was dich
ins Verderben führt. |
| 12. |
Lausche auf die Inspirationen, die dein Herz
empfängt und richte dich danach. Stelle dich darauf ein, dass du auf vielerlei Art eine
führende Hand spüren wirst: im Gebet, in Träumen, in Zeiten einsamer Stille und durch
die Worte und Taten weiser Ältester und Freunde. |
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